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Die T4 Aktion
// Heidi Ulm //
Jeder kennt die Verbrechen und Gräueltaten im Nationalsozialismus, doch kaum einer kennt die T4-Aktion, obwohl sie sehr viel Auswirkung hatte. Was genau dahinter steckt und wie Südtirol damit verwoben ist, beleuchtet der Artikel.

Projektleiter Arjun Pfaffstaller und der Leiter des Gedenkortes Florian Schwanninger vor dem Schloss Hartheim © Arjun Pfaffstaller
Ein vergessenes Kapitel der NS-Zeit
Die T4-Aktion beschreibt den systematischen Mord an über 70.000 Menschen mit körperlichen und psychischen Behinderungen und Lernschwierigkeiten, der offiziell zwischen 1939 und 1941 stattfand. Der Name „T4“ geht auf die Berliner Tiergartenstraße 4 zurück, in der sich die zentrale Verwaltungsstelle dieses Euthanasieprogrammes befand. Die Tötungen fanden in sechs eigens dafür eingerichteten Tötungsanstalten statt. Davon war Schloss Hartheim bei Linz die einzige in Österreich. Das Schloss dient heute als Lern- und Gedenkort. Auch Südtirol spielte in dem Verbrechen – wenn auch nur untergeordnet – eine Rolle. Beispielsweise gab es einige Südtiroler Psychiatriepatient*innen in der Heil -und Pflegeanstalt Hall in Tirol aufgrund der Umsiedlung im Rahmen der „Option“. Von dort wurden viele in die Tötungsanstalten gebracht. Diejenigen, die in Heil- und Pflegeanstalten bleiben durften – das Kriterium war Arbeitsfähigkeit – wurden systematisch vernachlässigt, dem Hungertod ausgesetzt oder durch überdosierte Medikamente ermordet („dezentrale Euthanasie“). Unter den Opfern befinden sich auch viele Kinder mit Behinderungen.
Protest und leiser Weitergang
Ein Lichtblick war die offizielle Beendigung der T4-Aktion 1941 aufgrund von Protesten aus der Bevölkerung und des Klerus. Die Morde gingen jedoch in einzelnen Heil- und Pflegeanstalten weiter, verdeckter und „dezentraler“. Dennoch zeigt dieser Protest, dass Widerstand Wirkung zeigen kann. Auch heute ist es wichtig, die Stimme zu erheben, wenn Unrecht geschieht.
Schloss Hartheim – Rückblick meines Besuches
Ich selbst habe den Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim im Sommer besucht. Worte können die Eindrücke und das spürbare Leid kaum beschreiben. Besonders bedrückend fand ich den Zynismus, mit dem die Täter vorgingen: Todesursachen wurden gefälscht, Familien getäuscht – die Gesellschaft wurde belogen. Und der Sonntag war tötungsfreier „Ruhetag“. Nach dem Krieg wurden viele der Hauptverantwortlichen nicht bestraft. Lange Zeit blieb die Frage in der Gesellschaft aufrecht, ob die „Euthanasie“ überhaupt ein Verbrechen sei – man habe die Betroffenen doch „von ihrem Leid erlöst“. Eine erschreckende, gefährliche Denkweise, die Gräueltaten legitimierte.
Erinnerungskultur
Heute arbeitet Schloss Hartheim auch daran, barrierefreier zu werden, etwa auch durch die Übersetzung historischer Texte in Leichte Sprache. Kein leichtes Unterfangen, da NS-Texte oft komplex und zwischen den Zeilen zu verstehen sind. Diese Arbeit ist aber von großer Bedeutung, denn jede*r hat das Recht auf Wissen, allen voran Menschen mit Lernschwierigkeiten, die auch Opfer der T4-Aktion waren. Das Projekt zur Barrierefreiheit leitet der Südtiroler Arjun Pfaffstaller, der selbst eine Behinderung hat und mit großem Engagement an dieser Aufgabe arbeitet.
Nie wieder
Als Selbstbetroffene mit Behinderung ist es für mich besonders wichtig, dass dieses Wissen weitergegeben wird, damit dieser schreckliche Massenmord sich nicht wiederholt. Denn was einmal passiert, kann immer wieder passieren.
Heute erleben wir in Teilen der Gesellschaft erneut gefährliche Tendenzen: Diskussionen über Pflegekosten, Abtreibung bei Behinderungsdiagnosen, Zwangssterilisation. Solche Themen zeigen, dass der Wert menschlichen Lebens immer wieder neu verteidigt werden muss.
Protest und leiser Weitergang
Schloss Hartheim – Rückblick meines Besuches
Erinnerungskultur
Nie wieder
Heute erleben wir in Teilen der Gesellschaft erneut gefährliche Tendenzen: Diskussionen über Pflegekosten, Abtreibung bei Behinderungsdiagnosen, Zwangssterilisation. Solche Themen zeigen, dass der Wert menschlichen Lebens immer wieder neu verteidigt werden muss.

