herstory
Geringgeschätzt und unsichtbar: die bäuerliche Arbeit und die der Frauen
Der Blick in die Geschichte liefert uns immer wieder spannende und nützliche Impulse für die Gegenwart. Das gilt auch für die Geschichte der Frauenbewegung. Vieles wird vergessen, erweist sich dann aber oft als überraschend aktuell.

Gründungsfrauen des Instituts für Theorie und Praxis der Subsistenz (ITPS e.V.): Brigitte Holzer, Maria Mies, Susanne Lüpsen, Claudia v. Werlhof, Veronika Bennoldt-Thomsen, Karin Meinel, Christa Müller, Andrea Baier (v.l.n.r). Das Institut wurde 1993 in Borgenteich in der Warburger Börde (Ostwestfalen) gegründet, um dem Bielefelder Ansatz Breitenwirkung zu verschaffen. In diesem Zusammenhang entstanden einige Publikationen sowie mehrere Rundbriefe.© Veronika Bennholdt-Thomsen
Die Bauern/Bäuerinnen- und die Frauenfrage – beide gesellschaftlich fundamental – wurden und werden selten zusammen gedacht. Eine interessante Ausnahme bildet der sogenannte „Bielefelder Subsistenzansatz“, der auch mich persönlich geprägt hat. Feministische Forscherinnen verknüpften Anfang der 1980er Jahre die Analyse der Hausarbeit, die damals und immer noch zum größten Teil von Frauen verrichtet wird, mit der bäuerlichen Subsistenzproduktion in den sogenannten Entwicklungsländern und kamen dabei zu interessanten Ergebnissen.
Die so genannte Hausarbeitsdebatte der 1970er Jahre war eine der ersten großen Diskussionen innerhalb der Neuen Frauenbewegung. Feministinnen wiesen erstmals auf das Ausmaß der unbezahlten Hausarbeit und ihre Bedeutung für die gesamte Ökonomie hin. Eine Forderung war die nach „Lohn für Hausarbeit“, eine andere, die nach einer gerechten Aufteilung der Haus- und Carearbeit bzw. mehr öffentliche Angebote dafür. Nach wie vor höchst aktuell.
Die Soziologinnen Maria Mies (1931 – 2023), Claudia von Werlhof (*1943) und Veronika Bennholdt-Thomsen (*1944) verknüpften diese Debatte um die Geringschätzung der Hausarbeit mit der nach wie vor kolonialen Weltordnung. Allen drei gemeinsam ist, dass sie während ihrer Ausbildung und danach in sogenannten Entwicklungsländern forschten: Maria Mies in Indien, Claudia von Werlhof in Venezuela, Veronika Bennholdt-Thomsen in Mexiko.
Werlhof und Bennholdt-Thomsen lehrten an der Universität Bielefeld, deshalb wurde ihre gemeinsame Gedankenarbeit als Bielefelder Subsistenzansatz bezeichnet.
1983 erschien die programmatische Publikation mit dem Titel Frauen, die letzte Kolonie: Zur Hausfrauisierung der Arbeit. Darin beschreiben sie die strukturelle Parallele zwischen weiblicher Hausarbeit und bäuerlicher Subsistenzproduktion vor allem in den sogenannten Entwicklungsländern: In beiden Fällen wird unbezahlte Arbeit vorwiegend von Frauen geleistet, obwohl es sich um gesellschaftlich fundamentale Aufgaben handelt. In beiden Fällen wird die Arbeit nicht nur nicht bezahlt, sondern auch permanent entwertet. Sie gilt als nicht anspruchsvoll, keine Ausbildung und Kompetenzen erfordernd – „unterentwickelt“ eben. Die zentrale These lautet: Der Kapitalismus „kolonisiert“ die bäuerliche Subsistenz, die unbezahlte Arbeit von Frauen und die Natur. Um sie maximal ausbeuten zu können, müssen sie als rückständig und wertlos diffamiert werden. Sie bilden die ausgebeutete Grundlage der globalen Ökonomie.
Der Bielefelder Ansatz wurde innerhalb der Frauenbewegung stark kritisiert. Ihm wurde vorgeworfen, die bäuerliche Arbeit zu romantisieren, die Frauen in ihrer Zuständigkeit für Reproduktions- und Carearbeit festzuschreiben und insgesamt die Bedeutung der Subsistenzproduktion überzubewerten. Die Bielefelderinnen antworteten darauf, dass es ihnen um viel mehr ginge, nämlich um Kapitalismus- und Systemkritik.
Als Maria Mies im Mai 2023 starb, erinnerte Veronika Bennholdt-Thomsen in der Trauerrede an die gemeinsame Arbeit:
„Wir wollten nicht die Gleichstellung der Frau innerhalb des kapitalistischen Systems, sondern ’eine neue Gesellschaft‘ – wie im Nachruf im Spiegel ganz richtig formuliert wird. Die ersten ein/zwei Jahrzehnte schien genau das das Ziel der Frauenbefreiung zu sein. Die berühmte Hausarbeitsdebatte zielte darauf, die lebensnotwendige Bedeutung der Arbeit der Hausfrau sichtbar zu machen. Wir wollten stolz auf die entsprechenden Kompetenzen sein, statt weiter die gesellschaftliche Geringschätzung des Hausfrauenstatus erleiden zu müssen. Wir wollten unsere Arbeit aus der Funktionalität für die Akkumulation herauslösen und auf dem Fundament eine neue Gesellschaftsordnung aufbauen. Das war unser Traum.“
Sie schloss mit der eher resignierten Feststellung, dass Maria Mies in den 2000er Jahren öfters sagte, dass die Globalisierung gesiegt habe, die Systemkritik innerhalb der Frauenbewegung verstummt sei und man sich weitgehend darauf beschränke, sich innerhalb des globalisierten Kapitalismus zu behaupten.
Ich halte diese provokante Aussage für sehr überlegenswert. Auch in den gegenwärtigen Initiativen zur gerechteren und nachhaltigeren Organisation von Wirtschaft, wie der Erhaltung des lokalen Saatgutes und der Wissenstradition über natürliche Kreisläufe, unabhängige und genossenschaftliche Lebensmittelproduktion spielen Frauen eine zentrale Rolle. Die Verbindung von Feminismus, ökologischer Landwirtschaft und Kritik an globalen Machtverhältnissen ist nach wie vor aktuell, auch in unserer Region. Agitu Ideo Gudeta (1978-2020), äthiopische Soziologin, die in Italien studierte, aus ihrem Land fliehen musste, weil sie sich gegen landgrabbing gewehrt hatte, die sich als Hirtin und Käseproduzentin im Fersental eine neue Existenz aufbaute und durch Femizid ums Leben gekommen ist, war eine bekannte Stimme, die sich auch wiederholt zu diesen Themen geäußert hat. Sie kannte die koloniale Realität und kämpfte dagegen und versuchte im Trentino eine alternative Wirtschaftsweise zu entwickeln.
Über System- und Kapitalismuskritik wird allerdings in Projekten im Umfeld ökologischer Landwirtschaft kaum gesprochen, obwohl sie sowohl in ökologischer, feministischer und allgemein humaner Hinsicht absolut notwendig wäre. Deswegen ist die Erinnerung an den Bielefelder Ansatz wichtig.
Die so genannte Hausarbeitsdebatte der 1970er Jahre war eine der ersten großen Diskussionen innerhalb der Neuen Frauenbewegung. Feministinnen wiesen erstmals auf das Ausmaß der unbezahlten Hausarbeit und ihre Bedeutung für die gesamte Ökonomie hin. Eine Forderung war die nach „Lohn für Hausarbeit“, eine andere, die nach einer gerechten Aufteilung der Haus- und Carearbeit bzw. mehr öffentliche Angebote dafür. Nach wie vor höchst aktuell.
Die Soziologinnen Maria Mies (1931 – 2023), Claudia von Werlhof (*1943) und Veronika Bennholdt-Thomsen (*1944) verknüpften diese Debatte um die Geringschätzung der Hausarbeit mit der nach wie vor kolonialen Weltordnung. Allen drei gemeinsam ist, dass sie während ihrer Ausbildung und danach in sogenannten Entwicklungsländern forschten: Maria Mies in Indien, Claudia von Werlhof in Venezuela, Veronika Bennholdt-Thomsen in Mexiko.
Werlhof und Bennholdt-Thomsen lehrten an der Universität Bielefeld, deshalb wurde ihre gemeinsame Gedankenarbeit als Bielefelder Subsistenzansatz bezeichnet.
1983 erschien die programmatische Publikation mit dem Titel Frauen, die letzte Kolonie: Zur Hausfrauisierung der Arbeit. Darin beschreiben sie die strukturelle Parallele zwischen weiblicher Hausarbeit und bäuerlicher Subsistenzproduktion vor allem in den sogenannten Entwicklungsländern: In beiden Fällen wird unbezahlte Arbeit vorwiegend von Frauen geleistet, obwohl es sich um gesellschaftlich fundamentale Aufgaben handelt. In beiden Fällen wird die Arbeit nicht nur nicht bezahlt, sondern auch permanent entwertet. Sie gilt als nicht anspruchsvoll, keine Ausbildung und Kompetenzen erfordernd – „unterentwickelt“ eben. Die zentrale These lautet: Der Kapitalismus „kolonisiert“ die bäuerliche Subsistenz, die unbezahlte Arbeit von Frauen und die Natur. Um sie maximal ausbeuten zu können, müssen sie als rückständig und wertlos diffamiert werden. Sie bilden die ausgebeutete Grundlage der globalen Ökonomie.
Die Notwendigkeit eines neues Arbeitsbegriffes
Die drei Wissenschaftlerinnen forderten, kapitalistische Ökonomie zu unterwandern und der kleinbäuerlichen Produktion, der Subsistenzwirtschaft und den lokalen, kleinräumigen Ökonomien mehr und neue Bedeutung beizumessen. In diesem Veränderungsprozess wurde den Frauen entscheidende Bedeutung zugemessen.Der Bielefelder Ansatz wurde innerhalb der Frauenbewegung stark kritisiert. Ihm wurde vorgeworfen, die bäuerliche Arbeit zu romantisieren, die Frauen in ihrer Zuständigkeit für Reproduktions- und Carearbeit festzuschreiben und insgesamt die Bedeutung der Subsistenzproduktion überzubewerten. Die Bielefelderinnen antworteten darauf, dass es ihnen um viel mehr ginge, nämlich um Kapitalismus- und Systemkritik.
Als Maria Mies im Mai 2023 starb, erinnerte Veronika Bennholdt-Thomsen in der Trauerrede an die gemeinsame Arbeit:
„Wir wollten nicht die Gleichstellung der Frau innerhalb des kapitalistischen Systems, sondern ’eine neue Gesellschaft‘ – wie im Nachruf im Spiegel ganz richtig formuliert wird. Die ersten ein/zwei Jahrzehnte schien genau das das Ziel der Frauenbefreiung zu sein. Die berühmte Hausarbeitsdebatte zielte darauf, die lebensnotwendige Bedeutung der Arbeit der Hausfrau sichtbar zu machen. Wir wollten stolz auf die entsprechenden Kompetenzen sein, statt weiter die gesellschaftliche Geringschätzung des Hausfrauenstatus erleiden zu müssen. Wir wollten unsere Arbeit aus der Funktionalität für die Akkumulation herauslösen und auf dem Fundament eine neue Gesellschaftsordnung aufbauen. Das war unser Traum.“
Sie schloss mit der eher resignierten Feststellung, dass Maria Mies in den 2000er Jahren öfters sagte, dass die Globalisierung gesiegt habe, die Systemkritik innerhalb der Frauenbewegung verstummt sei und man sich weitgehend darauf beschränke, sich innerhalb des globalisierten Kapitalismus zu behaupten.
Ich halte diese provokante Aussage für sehr überlegenswert. Auch in den gegenwärtigen Initiativen zur gerechteren und nachhaltigeren Organisation von Wirtschaft, wie der Erhaltung des lokalen Saatgutes und der Wissenstradition über natürliche Kreisläufe, unabhängige und genossenschaftliche Lebensmittelproduktion spielen Frauen eine zentrale Rolle. Die Verbindung von Feminismus, ökologischer Landwirtschaft und Kritik an globalen Machtverhältnissen ist nach wie vor aktuell, auch in unserer Region. Agitu Ideo Gudeta (1978-2020), äthiopische Soziologin, die in Italien studierte, aus ihrem Land fliehen musste, weil sie sich gegen landgrabbing gewehrt hatte, die sich als Hirtin und Käseproduzentin im Fersental eine neue Existenz aufbaute und durch Femizid ums Leben gekommen ist, war eine bekannte Stimme, die sich auch wiederholt zu diesen Themen geäußert hat. Sie kannte die koloniale Realität und kämpfte dagegen und versuchte im Trentino eine alternative Wirtschaftsweise zu entwickeln.
Über System- und Kapitalismuskritik wird allerdings in Projekten im Umfeld ökologischer Landwirtschaft kaum gesprochen, obwohl sie sowohl in ökologischer, feministischer und allgemein humaner Hinsicht absolut notwendig wäre. Deswegen ist die Erinnerung an den Bielefelder Ansatz wichtig.

80. Geburtstag von Maria Mies (stehend). Mit Claudia von Werlhof (links), Elisabeth Meyer-Renschhausen und Veronika Bennholdt-Thomsen (rechts), 2011 - © www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/maria-mies

© Marion Maier
Agitu Ideo Gudeta
(1978 Addis Abeba – 2020 Frassinalongo) studierte in Rom und Trient Soziologie und kehrte nach dem Studienabschluss nach Äthiopien zurück. Dort arbeitete sie mit Bauern und setzte sich politisch gegen das landgrabbing der Regierung ein. Das führte dazu, dass sie 2010 Äthiopien erneut verlassen musste. Viele ihrer Mitstreiter*innen waren inzwischen im Gefängnis oder getötet worden.
2010 kehrte sie ins Trentino zurück, wo sie sich eine Existenz aufbaute, die auf Ziegenhaltung und Käseproduktion, sowie Hühnerhaltung und Gemüseanbau beruhte. Ihrem Betrieb im Fersental gab sie den Namen „La capra felice“. Sie verkaufte ihre Produkte auf Märkten, in ihrem Laden im Fersental und zum Schluss auch in einem Laden in Trient. Agitu war sehr aufgeschlossen und kommunikativ und machte durch ihre Arbeit viele Bekanntschaften.
Am 25. Jänner 2019 war Agitu zu einem Informationsabend im Repräsentationssaal der Gemeinde Bozen, eingeladen vom Frauenarchiv Bozen, Ethical Banking, der Katholischen Frauenbewegung, dem Friedenszentrum und „Die Ameisen/Le Formiche“.
Am 29. Dezember 2020 wurde Agitu von einem ihrer Mitarbeiter, einem geflüchteten Mann aus Ghana, der bei ihr als Hirte arbeitete, ermordet. Mit Agitu starb auch ihr Projekt „La capra felice“, das sie zu einem Informations- und Begegnungszentrum ausbauen wollte.
2010 kehrte sie ins Trentino zurück, wo sie sich eine Existenz aufbaute, die auf Ziegenhaltung und Käseproduktion, sowie Hühnerhaltung und Gemüseanbau beruhte. Ihrem Betrieb im Fersental gab sie den Namen „La capra felice“. Sie verkaufte ihre Produkte auf Märkten, in ihrem Laden im Fersental und zum Schluss auch in einem Laden in Trient. Agitu war sehr aufgeschlossen und kommunikativ und machte durch ihre Arbeit viele Bekanntschaften.
Am 25. Jänner 2019 war Agitu zu einem Informationsabend im Repräsentationssaal der Gemeinde Bozen, eingeladen vom Frauenarchiv Bozen, Ethical Banking, der Katholischen Frauenbewegung, dem Friedenszentrum und „Die Ameisen/Le Formiche“.
Am 29. Dezember 2020 wurde Agitu von einem ihrer Mitarbeiter, einem geflüchteten Mann aus Ghana, der bei ihr als Hirte arbeitete, ermordet. Mit Agitu starb auch ihr Projekt „La capra felice“, das sie zu einem Informations- und Begegnungszentrum ausbauen wollte.

