Ein Tabu ist selten eindeutig. Es steht nicht geschrieben, es wird nicht offiziell beschlossen, und doch wissen alle, dass es da ist. Man spürt, wann man einem Tabu zu nahekommt. Wann eine Frage den Raum verändert. Wann jemand nicht mehr nur spricht, sondern eine Ordnung stört. Anita Rossi beschreibt diesen Moment so: „Wenn das Schamgefühl kollektiv wird, sozialer Druck sich dazugesellt und Schweigen normal wird. Dann steht plötzlich ein unsichtbarer Zaun im Raum, den alle spüren, obwohl ihn niemand gebaut haben will. Wer das Thema trotzdem anspricht, gilt schnell als Störenfried oder Nestbeschmutzerin.“ Dieser unsichtbare Zaun ist der Ort, an dem Journalismus und Film ansetzen. Ihre Aufgabe beginnt oft nicht bei der fertigen Antwort, sondern bei der Entscheidung, trotzdem hinzuschauen. Nicht auszuweichen, wo andere längst gelernt haben, vorsichtig zu werden. Denn Tabus schützen nicht einfach nur „Ruhe“. Sie schützen Selbstbilder, Rollen, Hierarchien, manchmal auch Schuld.
Karin Duregger versteht Tabus ebenso als gesellschaftliches Gefüge: „Häusliche Gewalt, Kinderlosigkeit, Tod, Sex und Sexualität, Menopause, Verdienst – um nur einige zu nennen. Als Tabu gilt per Definition das ungeschriebene Gesetz, das aufgrund bestimmter Anschauungen innerhalb einer Gesellschaft verbietet, bestimmte Dinge zu tun oder darüber zu reden. Ich denke, ein Thema wird durch das Zusammenspiel mehrerer Kräfte zum gesellschaftlichen Tabu, mit Betonung auf Gesellschaft.“ Genau deshalb reicht es nicht, ein Tabu nur laut auszusprechen. Man muss verstehen, warum geschwiegen wurde, wer dadurch geschützt wurde und wer den Preis dafür bezahlt hat.
Wer spricht, riskiert etwas
Über Tabus zu sprechen bedeutet, sich dem Gewohnten zu widersetzen. Das gilt besonders dort, wo soziale Räume eng sind: in Familien, Dörfern, Vereinen, Institutionen. Wer spricht, gefährdet nicht nur eine persönliche Beziehung, sondern oft das Bild einer Gemeinschaft von sich selbst. Karin Duregger begegnet dieser Spannung in ihrer filmischen Arbeit immer wieder. In ihrem aktuellen Dokumentarfilmprojekt „Grüss Göttin“, das sich mit der Rolle der Frau und dem Einfluss des Patriarchats in Dörfern beschäftigt, wird das Erzählen selbst zum Widerstand. „Über Themen zu reden, die seit jeher unausgesprochenen, aber manifestierten Gesetzen folgen, bedeutet sich zu exponieren, sich dem Gewohnten zu widersetzen. Das erfordert Mut und kann Ausgrenzung und Ächtung bedeuten. Deshalb bewundere ich den Mut der Frauen, die in unserem Film ‚Grüss Göttin‘ über ihre Erfahrungen sprechen. Gerade in kleinen Dörfern, wo seit jeher ein gewisser Verhaltenskodex die Tagesordnung bestimmt, bedeutet das Sprechen über persönlich Erlebtes auch Anklage – und damit kann das Risiko des Verstoßes durch ‚Verrat‘ einhergehen.“ Hier zeigt sich, was Film leisten kann. Er zeigt nicht nur, was gesagt wird, sondern auch, was es kostet, etwas zu sagen. Ein Blick, eine Pause, ein Zögern können sichtbar machen, wie schwer ein Satz wiegt. Darin liegt die Kraft des Dokumentarischen: Es verwandelt ein abstraktes Thema in eine menschliche Erfahrung.

Karin Duregger © Erwin Flor
Nicht bloß enthüllen
Tabus zu brechen klingt oft nach einem lauten Akt: aufdecken, zeigen, aussprechen. Doch genau hier beginnt für Karin Duregger der entscheidende Punkt: Sensibilität, Verantwortung und das gewählte Narrativ. Denn verantwortungsvoller Journalismus ist mehr als Enthüllung. Ein Tabu kann man auch falsch brechen. Man kann Menschen bloßstellen, statt Strukturen sichtbar zu machen. Man kann Schmerz konsumierbar machen, statt ihn einzuordnen. Auch für Anita Rossi beginnt sensibler Journalismus bei der Haltung. „Und die bedeutet Offenheit, Ernsthaftigkeit und saubere Recherche. Sensibler Journalismus bedeutet nicht, Themen weichzuzeichnen, sondern Menschen würdevoll zu begegnen. Der Journalismus hat dafür Ethikkodizes – gerade im Umgang mit Minderjährigen, Opfern oder Schutzbedürftigen. Entscheidend ist aber weniger das Papier (in Italien siehe den Berufsethikkodex der Journalist:innenkammer, A.d.R.) als die Haltung dahinter. Unabhängiger Investigativjournalismus und Konstruktiver Journalismus versuchen außerdem, nicht nur den Finger in Wunden zu legen, sondern auch nach möglichen Lösungen oder Auswegen zu suchen.“ Diese Haltung entscheidet, ob Tabubruch aufklärt oder verletzt – wie in der Podcastserie zur Femizidprävention „Ci vogliamo vive“ (auf Spotify und YouTube) klar wird, an der Anita Rossi mitgearbeitet hat. Besonders bei Themen wie sexualisierter Gewalt, Armut, Krankheit, Diskriminierung oder psychischem Leid ist nicht jedes Detail notwendig. Manchmal besteht die journalistische Leistung gerade darin, nicht noch näher heranzugehen, sondern den Blick zu verschieben. Karin Duregger formuliert diese Verantwortung als Frage, die sie sich immer wieder stellt: „Mit Sicherheit ist es wichtig, Sprache bewusst zu wählen. Ob ich ‚Suizid begangen‘ oder ‚gestorben durch Suizid‘ schreibe, ist ein großer Unterschied. Gerade aus feministischer Sicht ist es auch wichtig, Betroffene nicht als Opfer darzustellen. Menschen, die ein Trauma erlebt haben, sind mehr als ihr Leid. Hier geht es um Würde, nicht nur Elend. Sehr oft frage ich mich: Werde ich den Personen gerecht? Nicht: Ist die Geschichte stark genug? Nicht: Wird sie Aufmerksamkeit bekommen? Sondern: Wird sie den Menschen gerecht, die sie erzählen?“

Anita Rossi © Manuela Tessaro
Die Macht der Erzählung
Journalismus und Film brechen Tabus nicht nur dadurch, dass sie Themen sichtbar machen. Sie tun es auch dadurch, wie sie erzählen. Jede Perspektive ist eine Entscheidung. Jede Auslassung auch. Wer spricht? Wer wird gezeigt? Welche Wörter werden gewählt? Welche Bilder entstehen? Karin Duregger bringt diese Macht über Narrative auf den Punkt: „Journalismus und die Filmsprache haben Macht über Narrative. Und mit dieser Macht geht die Pflicht einher, sie nicht unreflektiert auszuüben. Beim Berichten über Vergewaltigung etwa: Erzähle ich die Vergewaltigung und riskiere Retraumatisierung, oder erzähle ich die Zustände, die Emotionen, gehe ich von der Opferhaltung weg? Man kann Gefahr laufen, Voyeurismus statt Aufklärung zu generieren. Detaillierte Schilderungen befriedigen oft eher eine Schaulust. Nicht ‚Was genau ist passiert?‘, sondern ‚Was ermöglicht, dass es passiert – und warum bleibt es folgenlos?‘ ist wohl die strukturell relevante Frage.“ Darin liegt der Unterschied zwischen bloßer Provokation und journalistischer Enttabuisierung. Die Provokation fragt: Was darf man nicht sagen? Und sagt es trotzdem. Journalismus fragt weiter: Warum durfte es nicht gesagt werden? Welche Machtverhältnisse wurden dadurch geschützt? Welche Folgen hatte das Schweigen? Erst diese Verschiebung macht aus einer persönlichen Geschichte eine gesellschaftliche Frage.
Menschen hinter den Zahlen
Journalismus und Film können abstrakte Realitäten in konkrete Erfahrungen übersetzen. Sie können Menschen sichtbar machen, die sonst höchstens als Statistik auftauchen. Gerade deshalb eignen sie sich so gut, um Tabus zu berühren: Sie verbinden Analyse mit Nähe.
Anita Rossi: „Journalismus und Film können Komplexität aushalten. Sie haben – zumindest im Idealfall – Zeit für Widersprüche, Zwischentöne und unbequeme Fragen. Und sie können Menschen sichtbar machen, die sonst höchstens als Statistik vorkommen. Das verändert den Blick.“ Auch Karin Duregger beschreibt diese besondere Kraft des Dokumentarischen: „Es gibt viele Wege, um auf Tabus aufmerksam zu machen – Selbsthilfegruppen, aktivistische Aktionen, Kampagnen. Aber ein Dokumentarfilm hat besonders das Mittel der ‚emotionalen Sprache‘. Ein schriftlicher Statistikbericht kann sagen, dass weltweit 700 Millionen Menschen in extremer Armut leben. Aber wenn ich das Gesicht eines betroffenen Kindes sehe, seine Stimme höre, seinen Alltag miterlebe, dann kann ich es fühlen. Film und journalistische Berichte übersetzen abstrakte Realitäten in menschliche Erfahrungen. Was mich als Dokumentarfilmerin fasziniert, ist hier diese besondere Gleichzeitigkeit von Kopf und Herz.“ Diese Gleichzeitigkeit von Kopf und Herz ist vielleicht die größte Stärke von Journalismus und Film. Sie müssen nicht nur erklären. Sie können erfahrbar machen. Sie können Nähe herstellen, ohne die Distanz zur Analyse zu verlieren.
Vertrauen darf nicht verheizt werden
Damit Menschen über Tabus sprechen, braucht es Vertrauen. Dieses Vertrauen entsteht nicht automatisch, nur weil ein Mikrofon eingeschaltet oder eine Kamera aufgebaut wird. Es muss wachsen. Und es kann zerstört werden, wenn Erzählen bloß als Material verstanden wird. Anita Rossi sagt: „Ein Teil meiner Arbeit besteht darin, Menschen zum Erzählen zu bringen. Dafür braucht es Vertrauen. Und dieses Vertrauen darf man nicht für Schlagzeilen verheizen. Wenn Menschen das Gefühl haben, bloßgestellt oder verzerrt dargestellt zu werden, entsteht Schaden – nicht nur für die Betroffenen, sondern für die ganze Branche. Dann verliert Medienarbeit Glaubwürdigkeit. Und ohne Glaubwürdigkeit haben wir weniger Einfluss, auch beim Berühren oder Brechen von Tabus.“ Tabubruch ist also ein Prozess aus Zuhören, Abwägen, Einordnen und Schützen. Es geht nicht nur darum, ob etwas erzählt werden darf. Es geht darum, wie viel erzählt werden muss.
Was bleibt
Wenn Journalismus und Film Tabus brechen, endet ihre Wirkung nicht mit der Veröffentlichung. Ein Artikel, ein Podcast oder ein Film kann Gespräche auslösen: im Bekanntenkreis, in Schulen, in politischen Diskussionen. Oder er kann abgewehrt werden. Auch das zeigt, wie stark ein Tabu noch wirkt. Anita Rossi beschreibt die besondere Kraft dahinter: „Weil sie Reichweite erzeugen und Gespräche auslösen. Gute Recherchen oder Filme landen nicht nur auf Bildschirmen, sondern später auch am Küchentisch, im Wirtshaus oder in politischen Debatten. Sie ziehen Kreise. Film hat zusätzlich die Kraft, emotionale Zugänge zu schaffen. Gerade Spielfilme holen Menschen oft dort ab, wo reine Fakten nicht mehr reichen: bei Angst, Scham, Mitgefühl oder Identifikation.“ Genau dort beginnt Veränderung: wenn ein Thema nicht wieder verschwindet. Wenn es besprochen werden kann, ohne dass jene, die sprechen, allein das Risiko tragen. Wenn aus einer einzelnen Stimme ein gesellschaftliches Gespräch wird. Journalismus und Film können den unsichtbaren Zaun im Raum nicht sofort niederreißen. Aber sie können ihn sichtbar machen. Sie können zeigen, wer ihn bewacht, wer von ihm profitiert und wer schon lange dagegen stößt. Und manchmal reicht genau das, damit ein Schweigen seinen Schutz verliert.
Zwei Tabus erscheinen mir besonders dringend, weil sie gesellschaftliche Kipppunkte markieren könnten: Zum einen Männer als Care-Giver – also Männer, die selbstverständlich Sorgearbeit und Verantwortung übernehmen und emotional präsent sind. Zum anderen toxische Männlichkeit, im Kleinen wie im Großen: in Familien, in Machtstrukturen und in der Geopolitik. Vieles, was wir derzeit politisch erleben, wirkt auf mich wie ein globales Testosteronproblem.