Selbstbestimmt

Kein Frauenkram

// Marlene Erschbamer //
Das Kind ist da, aber die Welt steht unangenehm Kopf. Dabei ist eine Wochenbettdepression keine reine Frauenkrankheit: Väter erkranken auch daran.
Schatten statt Babyglück © Kelly Sikkema - unsplash
Ein Neugeborenes gilt vielfach als Inbegriff des Glücks. Die Realität sieht jedoch häufig anders aus: Das Kind ist da, doch die Glücksgefühle bleiben aus. Versagensängste, lähmende Überforderung und tiefe Scham prägen stattdessen den Alltag der Eltern. Es sind Gefühle, die nicht ins Idealbild einer „perfekten” Familie passen.
Um auf die psychischen Belastungen rund um eine Geburt aufmerksam zu machen, hängt an der Fassade der Innsbrucker Klinik ein pink besticktes Baustellennetz. Es ist ein Werk der Künstlerin Katharina Cibulka mit der Aufschrift: „Solange du meine Depression übersiehst, weil du Babyblues hörst, bin ich Feminist:in“. Dahinter steckt eine wichtige Differenzierung: Während der Babyblues meist nur wenige Tage dauert und von allein abklingt, ist die Wochenbettdepression eine tiefgreifende Erkrankung, die professionelle Hilfe erfordert.
Zwischen Hormonen & unterschätzter Gefahr
Doch nicht nur Frauen, sondern auch Männer erkranken an einer Wochenbettdepression. Etwa 15 Prozent der Mütter und zehn Prozent der Väter sind innerhalb des ersten Jahres nach der Geburt ihres Kindes davon betroffen, wobei die Dunkelziffer vermutlich höher liegt. Denn Scham und Schuldgefühle verhindern oft, dass sich Betroffene Hilfe holen.
Allerdings unterscheiden sich Symptome und Verlauf zwischen den Geschlechtern. Bei Müttern tritt eine Depression meist in den ersten Wochen nach der Geburt auf. Das ist auf die massiven körperlichen Umstellungen in dieser Zeit zurückzuführen. Betroffene Frauen berichten von bleierner Müdigkeit, tiefer innerer Leere oder der quälenden Angst, keine Bindung zum Neugeborenen aufbauen zu können.
Väter entwickeln eine Depression dagegen zeitversetzt. Die psychische Belastung bricht bei ihnen meist zwischen dem dritten und sechsten Lebensmonat des Kindes durch. Studien zeigen, dass auch bei ihnen ein hormoneller Umbau stattfindet, der ein depressives Erleben begünstigen kann. Ihre Not äußert sich jedoch anders, beispielsweise durch sozialen Rückzug, Flucht in die Arbeit oder erhöhte Reizbarkeit.
Kein Zeichen von Schwäche
Eine Wochenbettdepression wird häufig als Versagen gedeutet. Dabei ist sie keine Frage der Elternkompetenz, sondern eine ernstzunehmende Erkrankung, die gut behandelbar ist. Wer Hilfe sucht, zeigt keine Schwäche, sondern übernimmt Verantwortung für sich und sein Kind.
Auch das Umfeld spielt eine Schlüsselrolle: Gut gemeinte Ratschläge wie „Das ist alles halb so wild“ bagatellisieren die Krankheit. Deutlich wirkungsvoller sind aktives Zuhören und konkrete Alltagsentlastung, etwa durch Haushaltshilfe oder Kinderbetreuung.

Selbstbestimmt

Say my name, say my
(chosen) name

// Jenny Cazzola | Centaurus //
Der Deadname einer trans* Person ist in den meisten Fällen tabu und sollte nicht ohne ihre Zustimmung verwendet oder genannt werden.
„Der Name eines Menschen ist ein Hauptbestandteil seiner Person, vielleicht ein Stück seiner Seele“, wusste bereits Sigmund Freud. Für viele trans* und nicht-binäre Personen ist das besonders wahr, denn ihr selbstgewählter Name ist Ausdruck ihrer Geschlechtsidentität und Selbstbestimmung. Viele trans* Personen ändern deshalb ihren Vornamen. Und ab diesem Zeitpunkt wird ihr alter Name – der sogenannte Deadname – tabu. Er sollte von anderen Menschen nicht mehr, oder nur noch mit der ausdrücklichen Zustimmung der betroffenen Person, genannt werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob eine Person ihren Namen auch offiziell geändert hat, oder nur von ihrem Umfeld damit angesprochen werden möchte. Die Änderung des Namens und des Geschlechtseintrags ist für viele trans* Personen immer noch mit großen bürokratischen, legalen und finanziellen Hürden verbunden.
Deadnaming ist eine Form von Gewalt
Viele Betroffene verbinden negative Erinnerungen und Traumata mit ihrem alten Namen. Ihn zu benutzen kann deshalb im besten Fall als Versehen betrachtet werden. Zum Beispiel, wenn man sich noch nicht an den neuen Namen gewöhnt hat. Im schlimmsten Fall ist es hingegen ein Anzeichen dafür, dass man die betreffende Person nicht so sieht, wie sie sich fühlt und wahrgenommen werden möchte. Oder dass man sie nicht akzeptiert. Und im allerschlimmsten Fall ist es eine bewusst transphobe Handlung, vor allem, wenn das Deadnaming öffentlich passiert.
Redet mit Menschen, nicht über sie
Trotzdem empfinden nicht alle trans* Personen Deadnaming als extrem gravierend. Für manche ist es okay, wenn ihr alter Name bekannt ist und verwendet wird.
Auch können und wollen nicht alle trans* Personen ihren Vornamen ändern. Viele nicht-binäre Personen ändern ihren Namen zum Beispiel nicht. Oder sie verwenden ihren neuen Namen nur in gewissen Kontexten und ihren alten Namen in anderen.
Ob und welchen Namen eine Person annimmt, ist eine höchstpersönliche Entscheidung, die viele Gründe haben kann. Dass trans* Personen die männliche oder weibliche Variante ihres alten Vornamens annehmen, ist übrigens ein Klischee und kommt nur selten vor.
Ob es für eine Person in Ordnung ist, wenn ihr alter Name genannt wird, muss sie selber entscheiden. Im Zweifelsfall kann man die Betroffenen fragen, was ihnen am liebsten ist. Kennt man den Deadname einer Person aber nicht, sollte man auch nicht aktiv danach fragen. Und ganz umgeht man das Problem sowieso, wenn man direkt mit Menschen spricht, und nicht über sie.