Landesbeirat für Chancengleichheit für Frauen

Die Grenzen des Sagbaren – und warum manches ein Tabu bleiben sollte

// Maria Pichler //
Tabus zu hinterfragen, auszusprechen, was lange verschwiegen wurde – das gilt als Fortschritt. Und oft ist es das auch. Doch nicht jedes Tabu gehört gebrochen. Es gibt Aussagen und Denkmuster, die tabu bleiben sollten. Dass solche Grenzen notwendig sind, hat sich zuletzt auch in Südtirol klar gezeigt.
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Sprechen über Geld, Gewalt oder Gesundheit, über Kinderlosigkeit oder Regretting Motherhood, über den Körper, die Periode oder den Tod: Es gibt unzählige Dinge, die öfter beim Namen genannt und zum Thema gemacht werden sollten, um sie zu enttabuisieren. Alles sagen zu wollen bedeutet aber nicht, dass auch alles gesagt werden sollte – unabhängig davon, dass wie in jeder Diskussion der Ton die Musik macht. Kurzum: Wer meint, „man wird doch noch sagen dürfen, was man denkt“, und dabei nicht nur provokante, sondern abwertende, beleidigende und respektlose Töne anschlägt, hat nicht verstanden: Das bleibt tabu! Denn in einer gleichberechtigten Gesellschaft muss es auch in Zukunft eine Grenze des Sagbaren geben.
Frauen an den Herd!
In diesem Zusammenhang besorgniserregend sind die jüngsten Aussagen von Bürgermeister Josef Nöckler in Sand in Taufers, der sich nicht nur negativ über Frauen in der öffentlichen Verwaltung geäußert hat, sondern auch die Vorstellung vertritt, dass Frauen primär für die Familien- und Hausarbeit zuständig sind. Dass dies in den Südtiroler Gemeinden kein Einzelfall ist, hat sich unlängst auch im Gemeinderat von Eppan gezeigt, wo Referent Martin Haller in einer hitzigen Diskussion meinte, dass sein Kollege ihm nicht zu sagen habe, was er zu tun habe. Das könne er bei sich daheim tun, seiner Frau sagen, was sie zu tun habe oder seiner Schwester… „Solche Aussagen“, sagt die Präsidentin des Landesbeirates für Chancengleichheit für Frauen Ulrike Oberhammer ganz klar, „sind nicht nur rückschrittlich, sondern gefährden all die kleinen Fortschritte, die wir in den vergangenen Jahren in Sachen Gleichstellung erreicht haben. Davon abgesehen, dass der Laden ohne Frauen nicht laufen würde – nicht in Bozen, nicht in Sand in Taufers, nicht in Eppan – ist das auch in Zukunft tabu.“
Expertinnendatenbank ADA: Jetzt online eintragen
„Es findet sich ja keine…“, diese Ausrede darf künftig nicht mehr gelten, wenn es um eine ausgeglichene Vertretung von Frauen und Männern bei Podiumsdiskussionen, öffentlichen Veranstaltungen oder Interviews geht. Fachfrauen sind daher dazu aufgerufen, sich jetzt in der neuen Datenbank ADA einzutragen, um dort von Medien, Unternehmen und Institutionen für Anfragen leicht gefunden zu werden. Die Eintragung erfolgt online über die Homepage des Landes unter chancengleichheit.provinz.bz.it/de/home oder über diesen Link ada.cfapps.eu20-001.hana.ondemand.com/portale/iscritte?flgDisponibModeratrice=false&flgDisponibRelatrice=false&flgDisponibMembroConsigl=false&flgApprovazione=true&lingua=it, SPID erforderlich!

Landesbeirat für Chancengleichheit für Frauen

300 große und kleine Menschen gehen für Familien auf die Straße

// Maria Pichler //
Tabuthemen wie Erschöpfung, Braindrain, Kinderlosigkeit und Altersarmut von Frauen aufs Tapet gebracht und Veränderungen in der Familienpolitik gefordert haben Südtiroler Familien Mitte Mai bei einer Familiendemo in Bozen.
© Ingrid Kapeller
Themen in den Mittelpunkt gerückt, die oft unter den Tisch gekehrt werden, hat die Familiendemonstration Mitte Mai in Bozen © Ingrid Kapeller
Familie als gesellschaftliche Herausforderung sichtbar machen – das war das Hauptanliegen der Demonstration am 16. Mai in Bozen, an der an die 300 kleine und große Leute teilgenommen haben. Denn Familien in Südtirol mit Kindergarten- und Schulkindern sind am Anschlag, Eltern organisieren in ihrem Alltag, was eigentlich die Politik leisten müsste: teure Betreuung in Flickenteppichlösungen, Schulprojekte und Lehrausflüge am Wochenende, tagtägliche Taxi-Dienste, andauernde Organisation, ständige finanzielle Improvisation, permanente Mehrbelastung. Was als Privatsache abgetan wird, ist in Wahrheit ein familien- und bildungspolitisches Versäumnis, aber solange Familien still auffangen, was ein Sozialstaat verlässlich absichern müsste, bleibt politische Veränderung aus.
Vor diesem Hintergrund forderten die Familien eine ernsthafte Politik, die Familien und Kinder in den Mittelpunkt rückt, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützt und dabei Schulkindern gute Nachmittage ermöglicht, die nicht vom Geldbeutel, vom Fahrdienst oder den zeitlichen Ressourcen der Eltern abhängen. Im Kindergartenalter brauche es ganzjährig Kontinuität, verlässliche Bezugspersonen, stabile Strukturen – und Planbarkeit sowie Finanzierbarkeit für die Eltern. Wer sich kümmert, muss hingegen für die Rente abgesichert sein – darüber wird noch viel zu wenig gesprochen: Wer Kinder betreut, Angehörige pflegt und unbezahlte Care-Arbeit leistet, darf im Alter nicht benachteiligt werden, forderten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Ausweitung der regionalen Absicherung für Care-Arbeitende. All das, ohne dass als Rabenmutter bezeichnet wird, wer Familie und Beruf unter einen Hut bekommen möchte, oder als Glucke, wer sich dafür entscheidet sich voll und ganz der Familie zu widmen. Denn – auch das bleibe an dieser Stelle nicht unerwähnt – die Initiatorinnen der Familiendemonstration sind im Netz persönlich und hasserfüllt angegriffen worden – für die Ausübung eines demokratischen Grundrechtes, der Demonstration. Das bleibt ganz klar ein Tabu!