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Kaum Frauen bei den Paralympics

// Jenny Cazzola | Centaurus //
Während bei den Olympischen Spielen darauf geachtet wird, dass gleich viele Männer und Frauen antreten, sind Frauen bei den Paralympics stark unterrepräsentiert.
Auf dem von Carolina Atvilla gestalteten Poster für Milano-Cortina ist eine weibliche Athletin prominent zu sehen. Bei den Paralympics sind Frauen aber in der Minderheit. 
© Poster ATVILLA - Carolina Atvilla
Schon im Vorfeld der Paralympischen Spiele von Milano-Cortina 2026 gab es einige Kontroversen. Für Unmut sorgte zum Beispiel, dass Athlet*innen aus Russland und Belarus wieder unter ihrer Nationalflagge starten durften. Oder die Tatsache, dass die Biathlonbewerbe nicht in Antholz, sondern in Tesero im Fleimstal ausgetragen wurden. Über ein Thema wurde aber kaum gesprochen: Während bei den Olympischen Spielen seit Jahren darauf geachtet wird, dass ungefähr gleich viele Frauen und Männer antreten, sind Frauen bei den Paralympics die Minderheit. So waren von den 42 Athlet*innen, die für Italien an den Start gingen, nur fünf Frauen. Aus Südtirol war keine einzige dabei. Alle sieben Athleten aus unserer Region waren Männer. Doch was ist der Grund für dieses Ungleichgewicht?
Ein Blick in die Historie
„Zu meiner Zeit lag das an den fehlenden Toiletten“, erzählt Dorothea Agetle. Die Vinschgerin gewann 1992 bei den Paralympics in Albertville zwei Bronzemedaillen im Langlauf und war damit die erste Frau, die eine paralympische Medaille in einer Winterdisziplin für Italien holte. Bei den Spielen in Lillehammer 1994 und Nagano 1996 folgten zwei weitere Bronze- und Silbermedaillen.
Die Toiletten werden heutzutage aber wohl eher nicht der Grund sein. Denn obwohl der paralympische Sport im Vergleich zum olympischen immer noch weniger Geld und mediale Aufmerksamkeit erhält, sind zumindest die Sportstätten auf dem neuesten Stand und zugänglich für alle Athlet*innen, unabhängig vom Geschlecht oder der Behinderung. Dass Frauen in der Minderheit sind, hat viel eher historische Gründe. Denn die paralympische Bewegung geht auf Sportangebote für Menschen mit Rückenmarksverletzung und Kriegsversehrte zurück. Und das waren nun mal von Anfang an zu einem Großteil Männer. Für Frauen gab und gibt es bis heute weniger Sportangebote, Wettbewerbe und auch weniger Vorbilder.
Sport fördert Empowerment und die Lebensqualität
Vorbilder, wie Dorothea Agetle eines ist. Die heute 76-Jährige musste sich vor Jahren aufgrund von Schulterproblemen vom Langlauf verabschieden. Sie ist aber weiterhin in einer Curling-Mannschaft aktiv. Und sie ist der Meinung, dass Menschen mit Behinderung in Südtirol sich im Allgemeinen mehr sportlich betätigen sollten: „Heutzutage gibt es für behinderte Menschen sehr viel mehr Möglichkeiten, Sport zu treiben, als damals, als ich angefangen habe. Und es bringt so viel Genugtuung: Man bewegt sich, man hält sich fit, man ist oft an der frischen Luft und man lernt tolle Menschen kennen. Ich finde es schade, dass Südtirol als Land so reich ist an Menschen mit Behinderung, aber so arm an behinderten Sportlerinnen und Sportlern.“

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Die Rolle der Wut gegen das gesellschaftliche Aus_Schweigen: Laura Volgger im Portrait

// Kathinka Enderle //
Wenn Laura Volgger über sexualisierte Gewalt spricht, tut sie das präzise, analytisch und ohne ihre Wut zu verstecken. Aus dieser Wut wird eine Haltung: Sie will verstehen, sichtbar machen, verändern. Als Politikwissenschafterin und Geschlechterforscherin verbindet sie Wissenschaft mit Aktivismus, mit Blick auf Südtirol, von wo sie stammt und das sie nie losgelassen hat.
© Manuela Tessaro
Laura Volgger kommt aus dem Pustertal, lebt aber seit ihrem 18. Lebensjahr nicht mehr in Südtirol. „Ich bin durch aktivistische Arbeit und jetzt auch wissenschaftliche Arbeit immer mit Südtirol verbunden“, sagt sie. Heute arbeitet sie als Prä‑Doc‑Mitarbeiterin am Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung der Universität Innsbruck und schreibt ihre Dissertation in Politikwissenschaft zu sexualisierter Gewalt und Regimen und Praktiken des Schweigens. Parallel dazu forscht sie gemeinsam mit Gundula Ludwig und Julia Ganterer zu sexualisierter Gewalt in Südtirol und begründet damit die erste breit angelegte qualitative Studie zu diesem Thema in der Region.
Das schützende Schweigen
Unter „gesellschaftlichem Schweigen“ versteht Volgger weit mehr als fehlende Worte. „Ich würde damit beginnen zu sagen, dass Schweigen nicht unbedingt bedeutet, nicht zu sprechen, sondern dass es sehr viel mehr ist und sehr viel komplexer“, erklärt sie. Entscheidend sind Fragen wie: Wer schweigt? Wer profitiert? Wer wird zum Schweigen gebracht? Welche Erfahrungen verschwinden damit aus dem öffentlichen Blick? In ihrer Forschung geht es nicht um einzelne Personen, die nichts sagen, sondern um ein Netz aus Schweigen, Wissen und Zum‑Schweigen‑Bringen. Alltagssprachlich zeigt sich das in Wegschauen, Kleinreden, Bagatellisieren, im Nicht‑Ernst‑Nehmen von Erfahrungen. Besonders sichtbar wird das bei sexualisierter Gewalt: „Es ist zu kurz gegriffen, wenn man Schweigen als Abwesenheit von Worten denkt, weil Schweigen in erster Linie eine Machttechnik ist“, betont Volgger. Diese Machttechnik stabilisiert, was in der Studie zu sexualisierter Gewalt in Südtirol eine „Gewaltkultur“ genannt wird. Strukturen wie autoritäre Abhängigkeitsverhältnisse und patriarchale Geschlechterrollen sind bekannt, und doch werden sie eher geschützt als verändert. „Das Wissen besteht, aber trotzdem gibt es diesen breiten gesellschaftlichen Konsens zur Gewaltkultur, der darin besteht, dass patriarchale Geschlechterverhältnisse und autoritäre Verhältnisse geschützt und gestützt werden.”
Wissen alleine reicht nicht
Schweigen ist für Volgger eine aktive Praxis. Täter*innen fordern Betroffene direkt oder indirekt dazu auf, zu schweigen: „Du darfst das niemandem sagen“, „Das ist unser Geheimnis“ – solche Sätze tauchen in den Interviews ihrer Studie immer wieder auf. Eine weitere Strategie besteht darin, Emotionen umzudrehen: Schuld und Scham wechseln die Seite. „Oft sehen wir, dass Täter*innen, die sich schuldig fühlen sollten, die Schuld umkehren, sodass das Umfeld zu Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, sagt: Was hast du denn getan, um die Täter*in aufzuregen?“, beschreibt Volgger. Die Scham bleibe häufig bei den Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, obwohl sie „auf der anderen Seite zu verorten wäre“. Hinzu kommt ein Umfeld, das Gewalt normalisiert oder nicht sehen will, was bekannt ist. „Es ist nicht so, dass das Wissen nicht da wäre“, sagt sie, „es ist in fast allen Fällen so, dass Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren, das signalisieren oder sogar darüber sprechen, aber dass dieses Sprechen oft keinen Anklang findet.“ Auch Institutionen wie Polizei, Medizin oder Schule tragen dazu bei, wenn sie Erzählungen nicht ernst nehmen oder aus Angst vor Konflikten wegschauen. Mitverantwortung beginnt für Volgger deshalb früher: beim aktiven Zuhören, beim Schaffen von Räumen, in denen Menschen geglaubt wird und Erfahrungen aufgearbeitet werden können. Es bedeutet auch, sich Wissen über sexualisierte Gewalt anzueignen, nicht nur an Aktionstagen. „Da beginnt Mitverantwortung: wenn man sich aktiv mit dem Wissen auseinandersetzt und sensibler in die Welt geht“. Doch genau hier stößt Volgger immer wieder an dieselbe Grenze: Es gibt Wissen, es gibt Worte und trotzdem bleibt Gewalt oft folgenlos. Aus dieser Reibung zwischen Wissen und Nicht‑Handeln entsteht eine Emotion, die sich durch ihre Arbeit zieht: Wut.
Gemeinsam wütend
Für Volgger ist Wut kein destruktiver Ausbruch, sondern eine Ressource: „Wut bedeutet für mich auch, handlungsmächtig zu bleiben und in diese massive Normalisierung von sexualisierter Gewalt, Nicht‑Glauben und Schweigen hineinzuwirken und zurück zu intervenieren“, sagt sie. Wut könne und solle breiter kultiviert werden, aber dafür brauche es das Mitwirken vieler, nicht nur der unmittelbar Betroffenen. Es reiche nicht, wenn immer nur jene wütend sind, die nicht in Machtpositionen sitzen und auf Vergewaltigungsnetzwerke, patriarchale Verhältnisse und Schweigekulturen hinweisen. „Es braucht auch das Mit‑Tun und Mit‑Wütend‑Sein von anderen, also von Menschen, die in Machtpositionen sitzen, die nicht unmittelbar betroffen sind, die aber die Möglichkeit haben, direkt etwas zu verändern“, fordert sie. Besonders rund um den 8. März stellt sie die unbequeme Frage: Nie sind alle Männer Vergewaltiger, aber Vergewaltiger sind fast immer Männer: „Wo ist ihr Beitrag?” Wut ist für sie ein Treibstoff, um sich zu verbünden, sich zu vernetzen und in Solidarität zusammenzustehen. „Gemeinsame Wut entsteht aus gemeinsamen Verletzungen und Verletzungserfahrungen und dem Austausch darüber“, erklärt sie. Wo aus geteilten Erfahrungen kollektive Wut wird, kann gesellschaftlicher Druck entstehen, etwa bei feministischen Streiks, die Ungleichheit unübersehbar machen.
Viele Rollen, ein Widerstand
Einer der Wege, diese Wut zu kanalisieren, ist für Laura Volgger die Wissenschaft. Sie arbeitet daran, Wissen über sexualisierte Gewalt zu verbreiten und in einen Wissensbetrieb zu intervenieren, der historisch von Ausschlüssen geprägt ist. „Insofern ist es wichtig, durch Geschlechterforschung anderes Wissen sichtbar zu machen“, sagt sie. Genauso wichtig ist ihr eine zweite Bewegung: weg von der Universität, hin zu den Menschen, mit denen sie ihr Leben teilt. Wissen im eigenen Umfeld zu verbreiten, zu argumentieren, tragende Sorge‑Netzwerke aufrechtzuerhalten – all das ist für sie eine stillere Form von Widerstand, die den Alltag prägt. So nimmt Laura Volgger in der gegenwärtigen „Rollen“‑Ordnung der Gesellschaft mehrere Rollen gleichzeitig ein: die der Wissenschaftlerin, der Aktivistin, der Verbündeten. Ihre Wut richtet sich nicht gegen einzelne Ausreißer, sondern gegen Strukturen, die Gewalt normalisieren und gegen eine Kultur des Schweigens, die Gewalt stabil hält. Gerade darin liegt ihre Rolle: Wut nicht zu romantisieren, sondern sie als notwendige Kraft gegen das Schweigen zu verstehen und als Aufforderung an uns alle, die eigene Position in diesem Netz aus Wegsehen und Widerstand ernst zu nehmen.