Welche waren die bedeutendsten Etappen deiner beruflichen Laufbahn?
Ich habe nach dem Studium der Rechtswissenschaften gleich in der Landesverwaltung zu arbeiten begonnen. Dies war eine bewusste Entscheidung, weil ich erahnte, dass ich dort etwas bewirken kann. Über 28 Jahre war ich Amtsdirektorin in der Abteilung Gesundheit. Meine Aufgabenbereiche waren Aus- und Weiterbildung, Personalwesen und Kollektivverträge und Beiträge. Das Führen von Menschen, das gemeinsame Entwickeln und Gestalten hat mir immer viel Freude bereitet und auch Spaß gemacht. Mein Team bestand immer zum Großteil aus Frauen, in gewissen Zeiten auch ausschließlich, und alle Vorurteile, dass dies nicht funktionieren kann, haben wir erfolgreich widerlegt. Es war wunderbar mit so vielen Frauen zu arbeiten!
Die Medizin orientierte sich lange am männlichen Körper als „Norm“. Was bedeutete es für dich, dieses Denken aufzubrechen?
Wir haben 2007 begonnen, die ersten Tagungen zur Gender Medicine zu veranstalten und sowohl die Fachkräfte zu schulen, als auch die Bevölkerung mit Kampagnen zu informieren.
Nur durch Wissen ist es möglich, dieses Denken, dass der männliche Körper die Norm ist, aufzubrechen. Meine Mitarbeiterinnen haben hier immer großes Engagement gezeigt. Durch den Gleichstellungsaktionsplan, bei dessen Erstellung wir die Gruppe Gesundheit koordinieren durften, haben wir wichtige Weichen für die Zukunft gesetzt und Maßnahmen im Bereich der Aus- und Weiterbildung der Gesundheitsfachkräfte, der medizinischen Forschung und der Information der Bevölkerung festgeschrieben, die derzeit umgesetzt werden.
Wo siehst du im medizinischen System noch Strukturen, die Frauen benachteiligen, bewusst oder unbewusst?
Auch das Gesundheitssystem spiegelt mit seiner Organisation und Hierarchie die Gesellschaft wider, in der wir leben. Dies bedeutet, dass die Führungspositionen immer noch in der Mehrheit von Männern bekleidet werden, auch wenn wir in den vergangenen Jahren bei den Ärztinnen eine Zunahme von Primarinnen verzeichnen können, was mich sehr freut. Auch haben wir in der Führungsspitze des Sanitätsbetriebes eine Pflegedirektorin und zwei von vier Bezirksdirektorinnen. Ebenso ist der Anteil der Teilzeitkräfte, vor allem im Bereich der Krankenpflegerinnen und in anderen Gesundheitsberufen hoch. Das heißt, dass auch hier die Carearbeit in den Familien noch vorwiegend von den Frauen geleistet wird und wir von einer paritätischen Beteiligung der Männer noch weit entfernt sind.
Hat dich die Beschäftigung mit Geschlechterunterschieden sensibler für Ungleichheit im Allgemeinen gemacht?
Sicher! Der Austausch mit unterschiedlichsten Frauen im Beruf, aber auch im Privaten, das Lesen von entsprechender Literatur hat mir den Blick geschärft. Schließlich gehört dazu auch, jegliche weitere Diskriminierung, sei diese in Bezug auf auf die sexuelle Orientierung, die Herkunft und in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen, wahrzunehmen, zu erkennen, und dagegen im Rahmen der eigenen Möglichkeiten vorzugehen. Auch hier habe ich auch von meiner Tochter viel gelernt, vor allem genauer hinzusehen, tiefer zu reflektieren und mich in die Situation anderer hineinzuversetzen.
Was wünschst du dir, dass die nächste Generation von Medizinpersonal über Geschlecht und Gesundheit selbstverständlich versteht?
Ich wünsche mir, dass Gender Medicine, die sich mit den biologischen und den geschlechtsspezifischen Unterschieden im Zusammenhang mit den sozioökonomischen und soziokulturellen Bedingungen befasst, und Einfluss auf Gesundheit und Krankheit hat, eine Selbstverständlichkeit wird. Dies ist sehr wichtig, damit Diagnose und Behandlung personalisiert auf die Patientin und den Patienten abgestimmt sind.
Siehst Du Dich selbst als Feministin? Was bedeutet Feminismus für Dich?
Ja, ich bin Feministin! Feminismus bedeutet für mich, für die gleichen Chancen in allen Bereichen der Gesellschaft für Frauen einzustehen und auch zu kämpfen. Dies beginnt im eigenen Umfeld, im Beruf, in der Familie, bei den Freundinnen und bei der Sprache, die wir verwenden. Feminismus bedeutet auch, mich selbst wahrzunehmen, mich über die Erfolge und die Schönheit anderer Frauen zu freuen und nicht in die Falle der Rivalität zu tappen.
Nach jahrtausendelanger patriarchaler Herrschaft sind nun wir Frauen dran, die Geschicke der Gesellschaft in die Hand zu nehmen und die Welt positiv zu verändern!
Welche (kleinen) Fortschritte machen dich optimistisch?
Die vielen wundervollen Frauen, die trotz aller Schwierigkeiten Führungspositionen bekleiden und Großartiges leisten, sei es im Gesundheitsbereich, sei es auch in anderen Bereichen wie der Landesverwaltung. Auch hier ist die Übernahme von Führungsverantwortung von Frauen verstärkt zu verzeichnen. Das starke Netz der weiblichen Führungskräfte in der Landesverwaltung zum Beispiel, die durch das Projekt „Frauen in Führung – Donne leader“, an dem ich mitwirken durfte, entstand, ist eine großartiges Beispiel, das uns optimistisch bleiben lässt. Und schließlich erfüllen mich die vielen klugen jungen Frauen wie meine Tochter Franziska mit großer Hoffnung.