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Vielfalt rettet Leben
// Marlene Erschbamer //
Frauen und Männer erkranken, leiden und genesen anders. Eine geschlechtergerechte Medizin ist deshalb weit mehr als ein Trend. Sie ist das notwendige Update, um Leben zu retten.

Jeder Körper verdient eine eigene Antwort © Patty Brito - Unsplash
Sie gelten als Norm. An ihnen werden Medikamente getestet, Dosierungen ausgefeilt und Therapien angepasst. Die Rede ist von Männern. In der Medizin gilt der weiße, junge Mann mit durchschnittlich 80 kg und 1,80 cm als Prototyp. Aufgrund ihres Zyklus und der damit verbundenen hormonellen Schwankungen gelten Frauen hingegen als schwierige Testpersonen. In der Folge werden Forschungsergebnisse, die an Männern erhoben wurden, einfach auf Frauen übertragen.
Das kann fatale Folge haben. Denn Frauen werden anders krank, Medikamente wirken bei ihnen unterschiedlich, und Krankheitsverläufe sind nicht eins zu eins übertragbar, wie Studien zeigen. Frauen haben daher ein höheres Risiko für Fehlbehandlungen oder Nebenwirkungen.
Das nächste Risiko lauert bei Arzneimitteln. Die Tatsache, dass Medikamente vorwiegend an männlichen Probanden getestet werden, hat gravierende Konsequenzen für Frauen. Aufgrund hormoneller Unterschiede benötigen Frauen andere Wirkstoffe oder Dosierungen als Männer, um dieselben Effekte zu erzielen.
Diese geschlechtsspezifische Verzerrung wirkt jedoch in beide Richtungen. So erhalten Frauen doppelt so häufig die Diagnose Depression, während die Erkrankung bei Männern oft unerkannt bleibt. Hier sorgt das traditionelle Rollenbild des starken Mannes für eine Barriere. Anstatt über ihre Gefühle zu sprechen, äußern Männer ihren Leidensdruck häufig in Form von körperlichen Beschwerden oder einer erhöhten Gereiztheit.
Wie tief unbewusste Denkmuster und gesellschaftliche Rollenzuschreibungen verankert sind, zeigt das folgende Gedankenexperiment: Ein Vater und sein Sohn sind in einen schweren Autounfall verwickelt. Der Vater stirbt noch an der Unfallstelle. Der Sohn wird mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert und sofort in den Operationssaal gebracht. Als der diensthabende Chirurg den Patienten sieht, erstarrt er und sagt: „Ich kann diesen Patienten nicht operieren, das ist mein Sohn!“
Wie kann das sein? Die Lösung ist einfach: Der diensthabende Chirurg ist die Mutter. Dieses Beispiel entlarvt den sogenannten Gender Bias: Da die Chirurgie oft noch als männliche Domäne wahrgenommen wird, wird der Berufsbegriff unbewusst männlich besetzt. Das generische Maskulinum – die ausschließliche Verwendung der männlichen Form – verstärkt diesen Effekt und macht Frauen in diesen Rollen gedanklich unsichtbar.
Das hängt direkt mit geschlechtergerechter Medizin zusammen. Solche vorgefertigten Schablonen beeinflussen die Behandlung von Patient*innen und begünstigen gefährliche Fehlentscheidungen bei der Diagnose und Therapie. Schließlich sind Frauen keine kleinen Männer und Männer nicht das Maß aller Dinge.
Doch wie sieht es in Südtirol bei diesem Thema aus? Seit 2016 arbeitet eine spezialisierte Arbeitsgruppe der Landesabteilung Gesundheit gemeinsam mit dem Sanitätsbetrieb, der Ärzte- und Apothekerkammer sowie dem Landesbeirat für Chancengleichheit daran, eine geschlechtsspezifische Medizin zu etablieren. Mit regelmäßigen Symposien und Schulungen werden das medizinische Personal und Laien gleichermaßen für diese wichtigen Unterschiede sensibilisiert. Aktuelle Termine und Veranstaltungen stehen online auf der Informationsseite Geschlechtsspezifische Medizin der Autonomen Provinz Bozen.
Das kann fatale Folge haben. Denn Frauen werden anders krank, Medikamente wirken bei ihnen unterschiedlich, und Krankheitsverläufe sind nicht eins zu eins übertragbar, wie Studien zeigen. Frauen haben daher ein höheres Risiko für Fehlbehandlungen oder Nebenwirkungen.
Wenn die Norm zur Gefahr wird
Während der klassische Lehrbuch-Herzinfarkt mit stechendem Brustschmerz vor allem das männliche Symptommuster widerspiegelt, verläuft das Ereignis bei Frauen oft subtiler. Warnsignale wie plötzliche Kurzatmigkeit, Schmerzen im Rücken oder Oberbauch, starke Übelkeit und eine unerklärliche, tiefe Erschöpfung werden häufig unterschätzt. Da diese Anzeichen nicht sofort mit dem Herzen in Verbindung gebracht werden, verstreicht wertvolle Zeit, bis Hilfe gerufen wird.Das nächste Risiko lauert bei Arzneimitteln. Die Tatsache, dass Medikamente vorwiegend an männlichen Probanden getestet werden, hat gravierende Konsequenzen für Frauen. Aufgrund hormoneller Unterschiede benötigen Frauen andere Wirkstoffe oder Dosierungen als Männer, um dieselben Effekte zu erzielen.
Diese geschlechtsspezifische Verzerrung wirkt jedoch in beide Richtungen. So erhalten Frauen doppelt so häufig die Diagnose Depression, während die Erkrankung bei Männern oft unerkannt bleibt. Hier sorgt das traditionelle Rollenbild des starken Mannes für eine Barriere. Anstatt über ihre Gefühle zu sprechen, äußern Männer ihren Leidensdruck häufig in Form von körperlichen Beschwerden oder einer erhöhten Gereiztheit.
Schmerz lass nach: Die Gender-Lücke
Wenn ein Geschlecht als medizinischer Standard gilt, bleiben lebenswichtige Unterschiede unsichtbar. Diese Blindheit entscheidet im Ernstfall über Leben und Tod. Konkret heißt das: Frauen sterben verhältnismäßig häufiger an Herzinfarkten und Männer an unentdeckten Depressionen. Starre Erwartungshaltungen führen dazu, dass die Medizin geschlechtsspezifische Warnsignale fehlinterpretiert oder schlicht übersieht.Wie tief unbewusste Denkmuster und gesellschaftliche Rollenzuschreibungen verankert sind, zeigt das folgende Gedankenexperiment: Ein Vater und sein Sohn sind in einen schweren Autounfall verwickelt. Der Vater stirbt noch an der Unfallstelle. Der Sohn wird mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert und sofort in den Operationssaal gebracht. Als der diensthabende Chirurg den Patienten sieht, erstarrt er und sagt: „Ich kann diesen Patienten nicht operieren, das ist mein Sohn!“
Wie kann das sein? Die Lösung ist einfach: Der diensthabende Chirurg ist die Mutter. Dieses Beispiel entlarvt den sogenannten Gender Bias: Da die Chirurgie oft noch als männliche Domäne wahrgenommen wird, wird der Berufsbegriff unbewusst männlich besetzt. Das generische Maskulinum – die ausschließliche Verwendung der männlichen Form – verstärkt diesen Effekt und macht Frauen in diesen Rollen gedanklich unsichtbar.
Das hängt direkt mit geschlechtergerechter Medizin zusammen. Solche vorgefertigten Schablonen beeinflussen die Behandlung von Patient*innen und begünstigen gefährliche Fehlentscheidungen bei der Diagnose und Therapie. Schließlich sind Frauen keine kleinen Männer und Männer nicht das Maß aller Dinge.
Medizin jenseits der Schablone
Ob Herzinfarkt oder Depression: Biologische Unterschiede und gesellschaftliche Rollenbilder beeinflussen maßgeblich, wie Krankheiten verlaufen und wie Medikamente wirken. Hier setzt die geschlechtssensible Medizin an. Sie schließt gefährliche Wissenslücken, beugt Fehldiagnosen vor und stellt sicher, dass jeder Mensch die zu ihm passende Therapie erhält. Kein Einheitsmaßstab, sondern eine Vielfalt in der Medizin – das ist das Ziel.Doch wie sieht es in Südtirol bei diesem Thema aus? Seit 2016 arbeitet eine spezialisierte Arbeitsgruppe der Landesabteilung Gesundheit gemeinsam mit dem Sanitätsbetrieb, der Ärzte- und Apothekerkammer sowie dem Landesbeirat für Chancengleichheit daran, eine geschlechtsspezifische Medizin zu etablieren. Mit regelmäßigen Symposien und Schulungen werden das medizinische Personal und Laien gleichermaßen für diese wichtigen Unterschiede sensibilisiert. Aktuelle Termine und Veranstaltungen stehen online auf der Informationsseite Geschlechtsspezifische Medizin der Autonomen Provinz Bozen.
Wichtige Unterschiede im Überblick:
Herzinfarkt: Bei Männern: meist klassischer Brustschmerz, Engegefühl hinter dem Brustbein, Ausstrahlen der Schmerzen in den linken Arm oder andere Körperregionen, kalter Schweiß und fahle Haut. Bei Frauen: häufig stille Anzeichen wie Übelkeit, Atemnot, Müdigkeit sowie Schmerzen im Oberbauch und Rücken.
Osteoporose & Brustkrebs: Gelten als Frauenkrankheiten. Deshalb werden sie bei Männern oft später erkannt, obwohl sie daran erkranken können. Das kann zu schwereren Verläufen oder Komplikationen führen.
Medikamente: Da sich Körperfett, Hormone und Stoffwechsel bei Frauen und Männern unterscheiden, ist die Wirkung von Medikamenten unterschiedlich. Frauen benötigen meist eine andere Dosierung. Das gilt insbesondere in der Schmerztherapie.
Depression: Frauen zeigen Traurigkeit und Angst. Männer reagieren bei Depressionen dagegen mit Wut, Aggressivität oder riskantem Verhalten, beispielsweise im Straßenverkehr.
Das Vorurteil, psychische Leiden seien eine persönliche Schwäche, führt bei Männern generell zu selteneren Diagnosen.
Osteoporose & Brustkrebs: Gelten als Frauenkrankheiten. Deshalb werden sie bei Männern oft später erkannt, obwohl sie daran erkranken können. Das kann zu schwereren Verläufen oder Komplikationen führen.
Medikamente: Da sich Körperfett, Hormone und Stoffwechsel bei Frauen und Männern unterscheiden, ist die Wirkung von Medikamenten unterschiedlich. Frauen benötigen meist eine andere Dosierung. Das gilt insbesondere in der Schmerztherapie.
Depression: Frauen zeigen Traurigkeit und Angst. Männer reagieren bei Depressionen dagegen mit Wut, Aggressivität oder riskantem Verhalten, beispielsweise im Straßenverkehr.
Das Vorurteil, psychische Leiden seien eine persönliche Schwäche, führt bei Männern generell zu selteneren Diagnosen.

